Skifahren

Ski Punk - Karl Schneeweiß 

von Vreni, 04 Mär. 2016

Die Geschichte von Ski Punk Legende – Karl Schneeweiß. Ein Wiener, der die Zwänge der Gesellschaft verabscheute und die Berge anbetete.

Als ich gefragt habe, welche Geschichten man auf einem Blog erzählt, da hat man mir erklärt, am besten seien jene, die emotionalisieren. 

Das wollte ich bisher nicht. Es macht einen angreifbar und wer weiss, wer das alles liest... Aber Karl Schneeweiß, mein Bergmentor, mein geduldiger Lehrer verdient es, obwohl er sicher dagegen gewesen wäre, dass seine Geschichte erzählt wird...


Der Retter

Vor vielen Jahren, als das Skifahren noch Pflicht für mich war und meine Woche daraus bestand zur Schule zu gehen und für Skirennen zu trainieren, traf ich Karli zum ersten Mal an einem sehr verschneiten Samstagvormittag. Ich lag kopfüber bergab, konnte mich kaum rühren vor lauter Schmerz. Mein Trainer und die Gruppe haben mich im Vreni hohen Schnee, 7 Jahre hoch, verloren. Keine Menschenseele weit und breit. Nur ich, der tiefe Schnee um mich herum und dieser unaussprechliche Schmerz in meinem Bein. Wie lange ich dort lag, weiß ich nicht. Eine tiefe Stimme unterbricht mein Schluchzen. Er wolle mir helfen, ich soll mich nicht bewegen. Er öffnet die Bindung von meinem Ski und der Schmerz übermannt mich, es wird dunkel vor meinen Augen. Die Pistenrettung bringt mich ins Tal. Diagnose: Beinbruch + eine Woche Liegegips. Besucht werde ich viel in dieser Woche, auch von Karli. Er und mein Vater werden gute Freunde. Sie teilen die Leidenschaft fürs Fliegen.


Die erste gemeinsame Skitour - Kaltenberg

Jahre später, als mir Tiefschneefahren Spaß macht und ich die ersten Versuche mit Skitouren wage, steht Karli vor mir. Er möchte, dass wir gemeinsam auf den Kaltenberg laufen. Eingeschüchtert stimme ich dem großen Mann mit den breiten Schultern und dem schneeweißem Haar zu. Ohne zu wissen, wo zum Henker dieser Kaltenberg ist oder was mich erwartet.


Der Anfang einer langen (Berg)Freundschaft

Der Schweiß fließt in Strömen, meine Beine hassen mich, eine Gruppe nach der anderen überholt mich. Karli hat mir einiges an Gewicht abgenommen und geht langsam voraus. Ich verfluche mich, bis mein zum Kollaps meiner inneren Stimme. Überleben, ist jetzt das Einzige, was noch zählt. Nach einer wunderbaren Firnabfahrt ins Tal hat Karli die nächste Überraschung für mich, das Auto steht mehrere Kilometer entfernt in Stuben. Kein Bus in der Nähe, kein Taxi, sondern nur eine weiter Gruppe Männer, die sich in ein winziges Auto quetschen. Karli grinst, reicht mir die Autoschlüssel und schiebt mich auf den Schoss eines unbekannten Mannes, in ein unbekanntes Auto. In Stuben finde ich das Auto am Parkplatz und das nächste Problem. Ich habe keine Schuhe, als klettere ich in Socken auf den Sitz, wie man den Sitz der alten Kiste umstellt, weiss ich nicht. Am Lenkrad festklammerend, wechsle ich den Gang und komme irgendwann schweiß gebadet bei Karli an. Er lacht Tränen, als er mich sieht. Nach einem erfrischenden Bier verabschiedet er sich. Beim Abendessen mit der Familie schlafe ich während des kauens ein. Karli hat nicht nur meinen Willen, sondern auch meinen Körper gebrochen, aber eine tiefe Liebe zu den Bergen entfacht.


Der Mentor und sein Schüler

Was folgt sind viele Touren, vor allem am Anfang und am Ende der Saison. Der große Mann mit dem schneeweißem Haar geht voraus. Schritt für Schritt einem Uhrwerk gleich. Wenn wir eine Pause machen erklärt er mir warum er die Spur so und nicht anders gelegt hat, was die Schneemuster bedeuten und wir diskutieren die Absurdität des gesellschaftlichen Drucks und dessen Stereotypen, die es anscheinend zu erfüllen gilt. Er hasst Zwänge, er hasst Gesetzte, er hasst den Kapitalismus und seine Folgen. Karli ist ein Punk, ein Ski Punk und Recht hat er! Grundsätzlich waren wir uns einig. Er liebte es mich körperlich und mental herauszufordern und seine Fragen haben mich des öfteren fast in den Wahnsinn getrieben!


Auf Augenhöhe

Die Jahre verstreichen zusammen am Berg. Sein Rücken bereitet ihm immer mehr Probleme und ich, der Schüler, soll die Spur legen. Ich laufe voraus, Schritt für Schritt einem Uhrwerk gleich. So wie er es mir beigebracht hat. In den Pausen, wenn er eine zulasst, reden wir über den Irrsinn Leben, über Träume, Politik, Gesellschaft, Soziologie und Berge. Beim Abfahren lässt er mir mittlerweile den Vorrang, es sei so schön mir zu zuschauen. 


Der Abschied

Am Geburtstag von meinem Dätti ist sein bester Freund und mein Bergmentor in einer Lawine ums Leben gekommen. Friedlich habe Karli ausgeschaut, als sie ihn gefunden haben. Als wir gemeinsam unterwegs waren hat er mir anvertraut, möchte er dort sterben, wo sein Herz und seine Seele zu Hause sind, am Berg.


Spuren im Schnee

Wenn ich jetzt unterwegs bin, drehe ich mich hin und wieder um, und halte nach dem großen Mann mit den breiten Schulten und dem schneeweißen Haar Ausschau, der einem Uhrwerk gleich, Schritt für Schritt, seine Spur im Schnee hinterlässt. Ich vermisse dich sehr!